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Reiseführer Bulgarien.

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Berge ohne Menschen.

Seit der Wende kehrt die Natur in das Vitoscha zurück.

Andere Hauptstädte Europas würden sich glücklich schätzen. Keine 25 Kilometer sind es vom Sofioter Stadtzentrum in das Vitoschagebirge. Ganze 279 Quadratkilometer, weniger als ein Drittel der Bodenfläche Berlins, mißt das kleinste Hochgebirge Bulgariens, doch seine Berge haben es in sich. Die Griechen nannten es deshalb Skombros, was übersetzt soviel wie „steiles, spitzes, scharfes Gebirge“ heißt. 18 Gipfel erreichen mehr als 1500 Meter, zehn sogar über 2000 Meter. Der Tscherni Vrach, mit 2290 Metern höchste Erhebung, ist allerdings auf einem bequemen Wanderweg zu erreichen.

Strahlend blau liegt der Spätsommerhimmel über dem Vitoscha, als wir zu seiner Besteigung aufbrechen. Anfangs durch dichten Laub- und Nadelwald, später durch weite Latschenteppiche und blühende Bergwiesen, über steinerne Flüsse und vorbei an verharrschten Schneefeldern windet sich der Weg vom Touristenkomplex Aleko Meter um Meter empor.

Blick über das Vitoschagebirge
Das Vitoschagebirge

Nur selten begegnen wir anderen Menschen. Lange vor der Wende sind wir zum letzten Mal durch das Vitoschagebirge gewandert. Damals herrschte hier lebhaftes Treiben, Scharen von Tagesausflüglern und Urlaubern lockte es in die Welt der Zweitausender. Heute haben die meisten Menschen in Bulgarien andere Sorgen. Viele haben die Hoffnung auf bessere Zeiten verloren, sind in Lethargie verfallen, die auch um die Freizeit keinen Bogen schlägt.

Noch seltener begegnen wir ausländischen Urlaubern. Die meisten haben früher das Vitoschagebirge mit Sofia verbunden, doch im Vitoscha mangelt es heute an akzeptablen Übernachtungsmöglichkeiten und die bulgarische Hauptstadt bietet acht Jahre nach dem Sturz Todor Schiwkoffs ein deprimierendes Bild. Schaufenster laden so wenig zum Kaufen ein wie früher, Hausfassaden verfallen, Straßenlaternen sind Vandalismus und Stromeinsparungen zum Opfer gefallen, Fußgängerunterführungen wurden zu Kloaken, die Hotels bieten vielfach wenig Qualität und Service für teures Geld. Zu leicht wird dabei übersehen, daß sich an manchen Stellen doch etwas bewegt. So werden derzeit mit großem Aufwand die kurz nach der Jahrhundertwende errichtete Zentrale Markthalle sowie das benachbarte Zentrale Mineralbad mit seinen silberfarbenen Kuppeln und bunten Keramikfliesen restauriert. Unverändert viele Gäste locken das Nationalmuseum, das vor allem mit seinen Gold- und Silberschätzen aus thrakischer Zeit brilliert, und die weltgrößte Ikonensammlung in der Krypta der Alexander-Newski-Kathedrale an.

Doch kehren wir in das Vitoscha zurück. Weit schweift unser Blick vom Tscherni Vrach in die Ferne: über das im Talkessel liegende Sofia zum Balkangebirge im Nordosten und Osten, dem sich im Südosten anschließenden Sredna Gora, dem Rilagebirge im Süden und vor allem über die schroffen Berge des Vitoschas, zum Goljam und Malak Rezen, zum Skoparnik, zum Jarlovski Kupen, zum Metscha Dupka, zum Sedloto, zum Lavtscheto. Zwischen 1902 und 2277 Meter messen diese Gipfel.

Vielleicht sollten wir morgen doch ein Stück dem Europäischen Fernwanderweg E-4 folgen, der die Pyrenäen über die Alpen mit dem Peloponnes verbindet und sich im Vitoschagebirge vom Tscherni Vrach an der Zweitausender-Kette der Skoparnik, Bezimenen, Kupena und Jarlovski Kupen entlang über das steinübersäte und von Gräsern und Kräutern überwachsende Tschernoto Plateau schlängelt, bevor er zwischen Wacholdersträuchen und wilden Pflaumenbäumen steil zum Marotschki-Koschari-Sattel abfällt. Gut trainierte Wanderer bewältigen diesen Weg in knapp drei Stunden, doch wer nicht in der vagen Hoffnung auf ein Bett nach Tschujpetlovo oder Jarlovo absteigen möchte, muß den gleichen Weg zurück nehmen, denn Berghütten und Ferienheime fehlen im südlichen Vitoscha völlig.

Die Entscheidung trifft das Wetter. Dichte Nebel wallen am nächsten Morgen über die Hochebene, nur die gelb und scharz gestrichenen Stangen, die im 20-Meter-Abstand als Wanderwegmarkierung aufgestellt sind, bieten uns Orientierung. So bemerken wir auch die zwei streunenden Hunde erst, als sie erwartungsvoll wedelnd vor uns stehen. Fortan sind Weißtäpschen und Schwarztäpschen, wie wir die beiden bald taufen, unsere treuen Begleiter.

Langsam beginnen sich die Nebelschwaden aufzulösen, dringt die Sonne durch und verspricht einen weiteren schönen Spätsommertag. Durch farbenfrohe Bergwiesen, übersät mit gelben, weißen, braunroten und blauen Blüten, windet sich der Weg über die Hochebene. In der Ferne taucht die einstige Schutzhütte und Station der Bergrettung unterhalb des Uschite auf. Doch wie die meisten dieser Einrichtungen im Vitoscha steht auch sie seit Jahren leer.

Blick auf den Steinernen Fluss
Steinerner Fluss im Vitoschagebirge

Am Bojana-Bach müssen wir uns entscheiden. Folgen wir dem Wasserlauf und nehmen den wildromantischen, aber auch steilen und streckenweise sehr rutschigen Weg zum Bojana-Wasserfall und weiter nach Bojana mit seiner für ihre Wandmalereien weltberühmten Kirche aus dem 11. Jahrhundert, oder wenden wir uns zu den Slatni Mostowe. Zwei Kilometer Länge und stellenweise mehr als 50 Meter Breite mißt der imposanteste steinerne Fluß des Vitoscha, dessen von Flechten überzogenen, an Granit erinnernden Syenitfelsen im Sonnenlicht in vielfältigsten grünen und gelben Farbtönen schimmern.

Bei gleißendem Sonnenschein kehren wir von den Slatni Mostowe über die Hochebene nach Aleko zurück, und wieder begleiten uns Weißtäpschen und Schwarztäpschen.

Veröffentlicht 1997

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