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Reiseführer Bulgarien.

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Rumäniens Seebäder zwischen Niedergang und Aufstieg.

Das neue Sein kann das alte Bewußtsein nur langsam verändern.

Es war Anfang der siebziger Jahre. Wir waren Studenten, unternehmungslustig, aber knapp bei Kasse. Die anderen fuhren nach Griechenland, uns lockte das Abenteuer Rumänien. Nach knapp einer Woche fuhren auch wir nach Griechenland, vertrieben von schmutzstarrenden Waschräumen und Toiletten auf den Campingplätzen. Statt im Schwarzen Meer badeten wir in der Ägäis.

Seitdem ist ein Vierteljahrhundert vergangen, Ceaucescu gestürzt, der reale Sozialismus zusammengebrochen, sind die Bilder von damals verblaßt. Vielleicht trifft der Verfall von Eforie-Nord deshalb so schmerzlich. Wir stehen am Strand des ältesten rumänischen Schwarzmeerbadeortes, doch kein goldgelber Sand lockt uns zum herbstlichen Strandspaziergang oder zu einem mutigen Sprung in das um diese Jahreszeit doch schon recht kühle Wasser. Statt über einen weiten Badestrand schweift unser Blick über eine Müllkippe, über Berge von Plastiktüten voller Müll, stinkender Essensreste, zerschlagener Cola-, Bier- und Weinflaschen, zerbrochener Obsthorden, zerfetzter Pappkartons und alter Zeitungen. Daß hier im Sommer Menschen in der Sonne gelegen, Ball gespielt oder Strandburgen gebaut haben sollen, daß hier Kinder umhergetollt sein sollen und des nachts Liebespaare dem Rauschen des Meeres gelauscht haben sollen, uns erscheint diese Vorstellung fast unvorstellbar. Selbst an den Stränden der Renommierhotels Delfinul, Steaua de Mare und Meduza herrscht nicht gerade Sauberkeit.

Aber nicht nur die Strände in dem auf eine mehr als einhundertjährige Geschichte zurückblickenden ältesten rumänischen Schwarzmeerbadeort scheinen alle Vorurteile der Deutschen gegenüber Rumänien zu bestätigen. Ungepflegte Grünanlagen, abgewohnte Hotels, eintönige Schaufenster, ärmliche Cafés und menschenleere Straßen vermitteln alles außer Urlaubsstimmung. Vergessen scheint die Zeit, da Eforie-Nord eines der gepflegtesten und am besten entwickelten Seebäder Rumäniens war, da die Reiseveranstalter sich gegenseitig die Betten in Eforie-Nord streitig zu machen suchten und einheimische Urlauber nur schwer ein Quartier fanden.

Mit Vorurteilen müssen alle Ferienländer leben, aber nur wenige haben ein vergleichbar schlechtes Image wie Rumänien. Österreich ist zwar reichlich teuer, aber auch sehr familienfreundlich, Griechenland längst nicht mehr so billig wie früher, aber noch immer sehr gastfreundlich, Mallorca völlig überlaufen, aber deutschen Urlaubsvorstellungen sehr aufgeschlossen. In Rumänien lauern dagegen hinter jeder Hausecke Diebe und Mörder, betteln an jeder Straßenecke Kinder und Zigeuner, bieten die Hotels nur geringen Komfort, sind sie wie die Restaurants schmutzig und heruntergekommen, ist das Personal unfreundlich und das Freizeitangebot dürftig. Dagegen steht nur wenig. Selbst den Reisebüros fallen meistens nur die Preise als positives Argument ein. Tatsächlich ist Rumänien für Ausländer ein ausgesprochen preiswertes Urlaubsland, doch seitdem Last-Minute-Angebote auch einst sehr viel teurere Urlaubsländer für breite Bevölkerungskreise erschwinglich gemacht haben, ist dieser Vorteil zusehends geschwunden.

Billig, aber schmutzig und primitiv, Eforie-Nord scheint viele der negativen Vorurteile gegenüber Rumänien zu bestätigen, und die Trostlosigkeit von Eforie-Nord setzt sich sogar noch in Eforie-Sud und in Mamaia fort. Nur wer mit einiger Phantasie durch Eforie-Sud spaziert, entdeckt noch den alten Glanz eines Seebades, das mit seinen zahlreichen, zum Teil schon Anfang dieses Jahrhunderts errichteten Villen eine viel intimere und vornehmere Atmosphäre als die Retortenseebäder der sechziger und siebziger Jahre ausstrahlt.

Zu den letzteren gehört auch Mamaia, das einst als „Perle der rumänischen Schwarzmeerküste“ gepriesene größte Seebad des Landes. Nur Angler wagen sich in Mamaia noch auf die Seebrücke, in der überall große Löcher klaffen und an der schon lange keine Ausflugsschiffe mehr anlegen können. Schmutzige Tischdecken, trostloses Dämmerlicht und gelangweilte Kellnerinnen scheinen auch die letzten Gäste aus dem früher beliebten und oft überfüllten Fischrestaurant an der Seebrücke vertrieben zu haben. Verfallen sind die Freibäder am Mamaia-See, den Industrie und Landwirtschaft in eine dunkelbraune Kloake verwandelt haben. Die Grünanlagen erwecken einen wenig gepflegten Eindruck, die Hotels wirken wie ausgestorben, der ganze Ort wie verlassen. Wir müssen schon genau hinsehen, um auch die Lichtblicke zu entdecken, hübsche Gartenrestaurants und Cafés, in denen sich die wenigen Gäste sichtbar wohl fühlen, Hotels, die von Bauarbeitern einer grundlegenden Modernisierung unterzogen werden, Kioskinhaber, die trotz Nachsaison geöffnet halten, den Pferdebesitzer, der am Strand Ausritte auf seinem Schimmel anbietet.

Obwohl in Mamaia seit der Wende bereits 58 vor allem kleinere gastronomische Betriebe und Verkaufsbuden privatisiert wurden, konnte der Niedergang des Badeortes bisher nicht gebremst werden. Das größte Problem, herrscht inzwischen weitgehend Einigkeit, stellt die bisher favorisierte Verpachtung dar. Weil die Pachtverträge nur über fünf Jahre liefen, zeigten sich die wenigsten Pächter zu Investitionen bereit. Manche befürchteten einfach, nach dem Auslaufen des Pachtvertrages nicht den Zuschlag auch als Käufer zu erhalten, andere legten es gleich von vornherein darauf an, aus den vielfach ohnehin schon maroden Betrieben auch noch das letzte herauszuholen. Zudem sei die Saison sehr kurz, Geld verdienen lasse sich in Mamaia nur von Anfang Juni bis Ende August. Bessere Infrastrukturen und vor allem Tagungen, Messen und Ausstellungen sollen deshalb die Saison verlängern helfen.

Noch muß Mamaia zwar mit den Pachtverträgen leben, doch ihre Tage sind gezählt. Ein neues Leasingsystem, das von der Regierung in Bukarest entwickelt wurde und in den nächsten Monaten landesweit das Pachtmodell ablösen wird, soll auch Mamaia endlich den Aufschwung bringen. Im Gegensatz zu den bisherigen Pächtern sollen die zukünftigen Leasingnehmer schon bei Vertragsabschluß wissen, daß und zu welchem Preis sie den Betrieb später auch tatsächlich selber kaufen können. Vor allem kleinere gastronomische Einrichtungen, Hotels und Handelseinrichtungen sollen auf diese Weise in Privateigentum überführt werden. Für die großen Bettenburgen dagegen soll es bei der bisherigen Ausschreibungspraxis bleiben. Doch Investoren dürften auch zukünftig nur schwer zu finden sein. Nachdem seit Mitte der siebziger Jahre kaum noch in die Seebäder investiert wurde, ist deren materielle Basis heute zu einem großen Teil marode und veraltet. Doch dem enormen Modernisierungsbedarf stehen kurzfristig nur vergleichsweise bescheidene Gewinnerwartungen gegenüber. Vielerorts völlig ungeklärt ist zudem noch die Finanzierung der notwendigen öffentlichen Infrastrukturinvestitionen.

Während in Mamaia noch davon geträumt wird, durch Tagungen, Messen und Ausstellungen die Saison zu verlängern, haben andere Badeorte längst die erste Schlacht um die Gäste gewonnen. Blieben in Mamaia und Eforie-Nord auch in diesem Jahr wieder selbst in der Hochsaison viele Betten leer, herrschte in Seebädern wie Neptun, Saturn oder Mangalia bis in den Herbst hinein lebhaftes Treiben.

Eines der beliebtesten Seebäder ist Saturn
Vor allem bei den Rumänen eines der beliebtesten Seebäder ist Saturn

Im Ausland ist Saturn zwar nur wenigen bekannt, doch in Rumänien erfreut sich das jüngste und bis heute vor allem von den Gewerkschaften belegte Seebad ungebrochener Beliebtheit. Mit seiner malerischen Lage in einer weiten Bucht, die im Norden vom Cap Aurora mit dem gleichnamigen Badeort und im Süden von der ins Meer vorspringenden Hafenstadt Mangalia begrenzt wird, mit seinem breiten goldgelben Strand und den ampfitheatrisch um die Bucht errichteten Hotels darf Saturn als der schönste Badeort an der rumänischen Schwarzmeerküste gelten. Mit seinem breiten sauberen Sandstrand, seinen zahlreichen Kiosken, kleinen Geschäften, Bars und Cafés, Tennisplätzen, Minigolf und Disco läßt es kaum einen Wunsch seiner Gäste offen. Doch der Hotelstandard ist bislang sehr niedrig, den meisten Ausländern zu niedrig.

Unstrittiges Vorzeigebad Rumäniens bleibt damit, obwohl im krassen Widerspruch zu reinen Lehre der Marktwirtschaft, das Doppelbad Neptun-Olimp. Noch immer hat in dem zweitgrößten rumänischen Seebad der Staat das Sagen. Doch gepflegte Grünanlagen, zahlreiche Einkaufsmöglichkeiten, eine vielfältige Gastronomie, Wassersportangebote, Bowling, Discos, Minigolf, Tennis, ein breiter sauberer Strand, eine als Schiffsanleger und zum Flanieren genutzte steinerne Buhne, Strandcafés und einladende Hotels lockten selbst noch im Herbst Tausende Urlauber nach Neptun-Olimp. Dabei setzt der Badeort keineswegs mehr allein auf Gäste, die vor allem billig Urlaub machen wollen, sondern in Olimp wird im Bereich des Hotelkomplexes Panorama, Amfiteatrum und Belvedere zunehmend auch ein sehr hochwertiger und dementsprechend teurer Tourismus entwickelt. Statt preiswerter rumänische Biere und Weine schenken Bars und Restaurants teure Importbiere und Importweine aus, in den Boutiqen lädt italienische und französische Mode zum Probieren ein, Kunstgewerbe- und Juwelierläden locken mit wertvollen Handarbeiten und edlem Schmuck. Wäre nicht die moderne Beschallungsanlage am Strand, die uns vom Morgen bis zum Abend mit Musik berieselt, wir könnten uns in Neptun-Olimp wohl fühlen. Doch die meisten Gäste, unter ihnen erstaunlich viele junge Menschen, scheint es wenig zu stören.

Daß gerade das staatliche Neptun-Olimp floriert, hat manche selbst ernannten Fachleute in Rumänien arg in die Bredouille gebracht. Theoretisch dürfte dort nichts laufen, tatsächlich aber zeigt das sehr engagierte Management, wie wichtig in Rumänien heute neben der Privatisierung gerade die Veränderung überlebter Mentalitäten ist. Vor allem ausländische Berater, aber auch viele Rumänen lebten lange Zeit in der Illusion, ein sich veränderndes Sein würde automatisch auch ein sich veränderndes Bewußtsein hervorbringen. Doch das Bewußtsein der Menschen entwickelt sich sehr viel langsamer als die gesellschaftlichen Verhältnisse, vierzig Jahre sozialistische Erziehung sitzen tief und lassen sich nicht kurzerhand wegprivatisieren.

Diese Erfahrung mußte auch das Kur- und Seebad Mangalia sammeln. Obwohl erst in diesem Frühjahr an das bisherige Management und die Mitarbeiter privatisiert, rechnen einige Mitarbeiter bereits für dieses Jahr mit einer ersten Gewinnausschüttung. Daß jeder durch seine eigene Arbeits- und Servicebereitschaft dazu beitragen muß, überhaupt erst einmal Gewinne fließen zu lassen, wird allerdings gerne übersehen. Noch haben viel zu viele Mitarbeiter nicht begriffen, daß die Gäste nicht für sie da sind, sondern sie für die Gäste da zu sein haben. Viele Mitarbeiter außerhalb des Kurbetriebes verfügen zudem über eine den heutigen Anforderungen nicht mehr entsprechende berufliche Qualifikation. Im kommenden Winter sollen sich deshalb die ersten 30 Mitarbeiter auf Kosten der Mangalia AG beruflich weiterbilden.

Vielleicht hätten wir auch in Mangalia vor noch nicht allzu langer Zeit erschüttert am Strand gestanden. Zwar sollen die Zustände nie so schlimm gewesen sein wie in Eforie-Nord, für die Sauberhaltung des Strandes richtig verantwortlich fühlte sich aber auch hier niemand. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Kommunen, wo Unternehmen und kommunale Verwaltungen mit Vorliebe gegeneinander arbeiten, haben sich in Mangalia Seebad und Stadtverwaltung zusammengesetzt und nach einer für beide Seiten vorteilhaften Lösung gesucht. Herausgekommen ist ein Konzessionsvertrag, der dem privaten Seebad die alleinige Verantwortung für die Strandpflege überträgt, ihm im Gegenzug aber auch die gesamte wirtschaftliche Nutzung des weiterhin öffentlichen Strandes überläßt. Liegestühle, Sonnenschirme, Strandcafés und sogar ein kleiner Yachthafen sollen zukünftig den Aufenthalt im Seebad Mangalia noch angenehmer machen.

Manche Vorhaben lassen sich in Mangalia allerdings auch leichter umsetzen, weil das Seebad vor allem von den Kurgästen lebt. Thermalbäder und Schlammpackungen gegen Gelenkkrankheiten, Atemwegserkrankungen, Frauenleiden, Verdauungsbeschwerden, Nieren- und Harnwegserkrankungen können die Gäste das ganze Jahr über nehmen. Manche Kurgäste kommen zwar ganz bewußt gerade in den unfreundlichen Wintermonaten, weil sie den besonderen Reiz des winterlichen Schwarzen Meeres lieben, doch die meisten Kurgäste bevorzugen wie die Badeurlauber die sonnigen und warmen Sommermonate. Durch eine flexible Preispolitik versucht das Seebad deshalb, besonders einige bislang schlecht ausgelastete Nebensaisonzeiten attraktiver zu machen. Regelmäßige Tanzabende, Konzertveranstaltungen und Ausflüge garantieren, daß auch außerhalb der Hauptsaison unter den Kurgästen keine Langeweile aufkommt.

Seit dem Sturz Ceaucescus hat sich in Rumänien vieles verändert. Das Land ist facettenreicher geworden, auch widersprüchlicher. Unverändert geblieben sind die Vorurteile.

Veröffentlicht 1997

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